Freitag, 28. Mai 2010

An Astrologie

Naturwissenschaftliche Meinung und Volksmeinung unterscheiden sich so oft und so sehr, dass sie manchmal scheinen, nicht nur, aus verschiedenen Welten zu kommen, sondern auch, ganz verschiedene Welten zu beschreiben. Eines der häufigsten Beispiele von solcher Meinungsverschiedenheit ist der Fall der Astrologie.

Innerhalb der Grenzen von dem heutigen naturwissenschaftlichen Verständnis des Universums, gibt es wahrscheinlich keinen Mechanismus, der plausibel erklären könnte, wie die Position der Sterne und Planeten zu jemandes Geburtzeit sein Verhalten und sein Schicksal beeinflussen könnte.

Die Gravitations- und elektromagnetische Felder, die sich aus Himmelskörper entwickeln, sind, nach dem naturwissenschaftlichen Verständnis, weniger—um viele Größenordnungen weniger—als die Schwankungen dieser Felder wegen lokalisierter Ursachen. Das Gravitationsfeld der Erde, zum Beispiel, schwankt zwischen etwa 9.78 m/s2 und 9.82 m/s2 wegen lokalisierter Unterschiede in der Erddichte—eine Schwankung von 0.04 m/s2. Die Gravitationsfelder der erdnächsten Himmelskörper, der Sonne und des Monds, sind etwa 0.000002 m/s2—mehr als zehntausendfach weniger als diese lokalisierten Schwankungen. Die Gravitationsfelder der Planeten sind weiter viel tausendfach weniger, und die der Sterne sind weiter millionenfach weniger.

Selten bringen Astrologiebefürworter Argumente vor, die das naturwissenschaftliche Verständnis des Universums in Frage stellen würden, sondern bringen sie die Behauptung vor, dass die Naturwissenschaft nur eine von vielen Denkweisen ist, von denen alle Daseinsberechtigung haben sollen.

Die Daseinsberechtigung aller Denkweisen ist natürlich unbestreitbar. Jedermann soll seine eigene Meinung über jedes Thema haben können. Eine gleiche Daseinsberechtigung heißt aber nicht ein gleicher Anspruch auf Aufmerksamkeit—und auch nicht ein gleicher Anspruch auf Lob. Diejenigen, die sich um Gerechtigkeit sorgen, zum Beispiel, halten ungerechte Meinungen wie Rassismus für abscheulich. Obwohl man anerkennen kann, dass solche Meinungen das Anrecht haben sollen, ausgedrückt zu werden, kann man sie nichtsdestoweniger mit Recht völlig verachten. Wenn, wegen Sorge um Gerechtigkeit, jemand sich mit einer Meinung unbehaglich fühlt, würde niemand ihn unvernünftig nennen. Die Frage, die ich stellen möchte, ist: Wenn es einen gäbe, der sich mit einer Meinung unbehaglich fühlte, nicht wegen Sorge um Gerechtigkeit, sondern wegen Sorge um Wahrheit, könnte man ihn berechtigerweise unvernünftig nennen?

Der ernsthafte, leidenschaftliche Naturwissenschaftler erachtet seine Denkweise eigentlich nicht als nur „eine von vielen“ gleichberechtigten Ansichten zur natürlichen Welt, sondern als die genaue Ansicht, die sich am sorgfältigsten um die Wahrheit kümmert. Die Grundlage der wissenschaftlichen Methode ist, dass jeder Wahrheitsanspruch überprüft werden muss, entweder durch Experiment oder durch Herleitung aus vorher etablierten Ergebnissen. Der fähige Wissenschaftler behandelt die Wahrheit immer mit Vorsicht, und heckt sie nie leichtsinnig aus. Im wirklichen Leben wird sie nicht immer so behandelt, aber das ist das Ideal. Im alltäglichen Gespräch sind Dinge aber nicht so ernst. Der Hauptzweck davon ist selten eine gewissenhafte Wahrheitssuche, sondern nur eine sorgenlose Unterhaltungssuche—das heißt Witze und Smalltalk. Man bringt ein Gesprächsthema vor, nicht um aufzuklären und zu belehren, sondern um zu unterhalten und zu amüsieren.

Wenn die Gesprächsteilnehmer verschiedener Meinung sind, ergibt sich aber die Möglichkeit, dass einer von ihnen ein Smalltalk- oder Witzthema wählt, das ihm zwar bloß heiter und lustig scheint, aber einem anderen ernst und heikel scheint. Diese letztere Rolle könnte besetzt werden, sowohl von demjenigen, der sich um Gerechtigkeit sorgt, wenn das Gesprächsthema sich auf Gerechtigkeit bezieht, als auch von demjenigen, der sich um Wahrheit sorgt, wenn das Gesprächsthema sich auf Wahrheit bezieht.

Derjenige, der sich in einer solchen heiklen Rolle befindet, hat drei Alternativen. Erstens kann er mit eigenen Witzen und Smalltalk an dem Gespräch teilnehmen, und dadurch die Ernsthaftigkeit seines Ideals verraten oder aufgeben. Zweitens kann er versuchen, das zwanglose Gespräch in eine ernste Gerechtigkeits- oder Wahrheitssuche zu lenken, und dadurch den Spaß aller anderen verderben. Drittens kann er ein peinliches Stillschweigen bewahren.

In dieser misslichen Situation befindet sich der Verehrer der Naturwissenschaft, der Diener der Wahrheit, wenn irgendjemand—nur mit der Absicht freundlich zu sein—ihn fragt: „Was ist dein Sternzeichen?“