Wenn Sie erlauben, möchte ich Ihnen die Geschichte von den letzten Tagen meiner Jugend erzählen. Mein Name ist Franz. Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt. Ich wohne in Assisi, einem Städtchen in Mittelitalien. Mein Vater ist ein berühmter Seidenwarenhändler. Wie man erwarten könnte, bin ich immer nach der letzten Mode gekleidet worden. Bis vor kurzem war ich auf mein vornehmes und elegantes Aussehen sehr stolz. Aber während der letzten Tage hat sich mein ganzes Leben komplett verändert. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Ihnen das Wie und Warum erklären.
Vor einigen Tagen besuchte ich die Seidenmühle, wo mein Vater sein Gewebe färbt. Großer Gott! Wie elend diese armen Arbeiter aussahen! Gesichter und Hände waren mit Farbstoff beschmutzt. Die Hitze war unerträglich. Schweiß rannte den Arbeitern über die Stirn. Der gepeinigte Ausdruck in ihren Mündern, der Kummer in ihren Augen—mein lieber Gott—brachte es mich zum Weinen. Ich rannte zu meinem Zimmer zurück und vergrub mein Gesicht in meinem Kissen.
Gleich am nächsten Tag lasen wir beim Bibelstudium die Geschichte im Matthäusevangelium, wo Jesus dem reichen Mann eine Auswahl anbietet: entweder kann er sein zügelloses Leben fortsetzen, oder er kann all sein Eigentum verkaufen, den Armen das Geld geben, und Jesus folgen. Ich nannte mich einen Christen, aber welche Wahl hatte ich getroffen?
Das nächste Mal, das ich mit meinen Eltern am Gottesdienst teilnahm, sah ich ihn in völlig anderem Licht. Ich saß mit den höherrangigen Kirchgängern—in Seide gekleidet und mit Juwelen geschmückt—in vorderster Reihe. Hinten standen die Armen, in Lumpen gekleidet und mit nicht mehr als ihrer Bescheidenheit geschmückt. Möge Gott uns beistehen! Wir sind alle die widerwärtigsten Heuchler—Hochstapler, die die Botschaft unseres Herren scheinheilig predigen, während wir genau das Gegenteil praktizieren. Ich rannte aus der Kirche hinaus, lief in den Wald, kniete auf dem Erdboden, bat Gott um Vergebung, und weinte.
Als nächstes in meiner Erzählung kommt der kühnste Akt des Ungehorsams, den ich je wagte. Heimlich nahm ich Waren aus dem Laden meines Vaters weg und verkaufte sie. Den Ertrag gab ich einem Priester, der das Geld brauchte, um eine Kirche wiederzubauen. Als mein Vater herausfand, was ich getan hatte, wurde sein Gesicht bleich vor Wut. Er ergriff meine Hand und schleppte mich zum Bischof. Vor ihm tadelte mich mein Vater. Als der Bischof meine Erwiderung forderte, sagte ich, dass ich nicht mehr der Sohn meines Vaters war. Ich zog aus und gab meinem Vater die Kleidung, die ihm gehörte. Ein Armer, der dem Spektakel zuschaute, bot mir einen Lappen an, um meine Nacktheit zu bedecken.
Was werde ich nun machen, da ich meine Familie und mein privilegiertes Leben zurückgelassen habe? Ich weiß es nicht genau. Doch weiß ich, dass ich gewiss ein enthaltsames, bescheidenes Leben führen will. Als Jesus seine Jünger vorausschickte, um sein Evangelium zu predigen, mahnte er sie, dass sie kein Geld mitbringen durften. Ich beabsichtige, diesen Befehl genau zu folgen.
Nachwort:
In der heutigen Welt sehen wir leider nicht, wie Franz es konnte, das Leiden, das unsere überteuerte Lebensart notwendig macht. Keine chinesische Fabrik erlaubt, dass neugierige ausländische Touristen sie besuchen. Wir versichern uns, dass wir stolz sein sollen, dass wir den Armen Arbeit geben, als ob es absolut undenkbar wäre, dass wir den Armen Hilfe geben könnten, ohne Knochenarbeit als Gegenleistung zu fordern. Jede zehn Dollar, die wir nicht spenden sondern spendieren, verurteilen eine chinesische Arbeiterin zu einem Sechzehn-Stunden-Tag erschöpfender Schinderei. Lohnt es sich?
Danksagung:
Sowohl das Bild der farbstoffbeschmutzten Arbeiter als auch das Bild der mit Juwelen geschmückten Reichen in der vordersten Reihe der Kirche habe ich von Franco Zeffirellis Film Brother Sun, Sister Moon gestohlen.
Aphorismen und Aufsätze
Samstag, 18. Oktober 2014
Donnerstag, 28. Februar 2013
Die Entsagung der Schönheit
Was passiert, wenn ein Künstler schwört, Schönheit aufzugeben? Eine solche Entsagung ist Gerard Manley Hopkins’ bekannter 1865 Tagebucheintrag: „Am heutigen Tag beschloss ich durch Gottes Gnade alle Schönheit aufzugeben, bis ich Seine Erlaubnis dazu hätte.“ Anscheinend bekam Hopkins die notwendige göttliche Erlaubnis nicht, oder nicht sofort. Kurz nach diesem Tagebucheintrag brannte er seine Gedichte. Askese in Kunst wurde von einer analogen Askese im Leben begleitet—im Jahr 1866 legte er das katholische Armutsgelübde ab.
In einigen anderen Fällen haben Kritiker aus ihrer Auslegung vom Werk eines Künstlers gefolgert, dass ein Künstler eine ähnliche Entsagung der Schönheit geschworen haben musste. Ein ausgezeichnetes Beispiel für eine solche gefolgerte Entsagung kann man in Hermann Cohens Auslegung von Rembrandts Werk finden. Nach Cohen verschmäht Rembrandt die traditionelle schöne Gesichtskunde. Rembrandt sucht Schönheit nicht im Leib, sondern in der Seele—oder genauer gesagt, in die Haltungen des Gesichts und des Körpers, die den Geist offenbaren. Angesichts dieser Auslegung würde ich vorschlagen, dass Rembrandts Entsagung der Schönheit vielleicht den Zweck hat, eine reinere, geistigere Art der Schönheit zu entdecken, und davon Zeugnis abzulegen. Ein Beispiel (auf das Cohen in anderem Kontext hinweist) ist Rembrandts 1634 Gemälde Suzanne (siehe Abbildung). Die dargestellte Figur ist nicht schön im klassischen Sinn. Aber ihre Miene und die Position ihrer Glieder bezeugen eine Unschuld und eine Reinheit, die auf eine innere Schönheit hindeuten.
Rembrandts künstlerischer Zweck ist, nach Cohen, die „Einheit“ von der Seele und dem Leib zu zeigen. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint Rembrandts Schönheitsentsagung ganz verschieden von Hopkins’ Schönheitsentsagung. Hopkins will den Leib verurteilen und aufgeben—vielleicht als Selbstbestrafung. Dahingegen will Rembrandt den Leib verwandeln, zu einer reineren Darstellung des Geistes.
In einigen anderen Fällen haben Kritiker aus ihrer Auslegung vom Werk eines Künstlers gefolgert, dass ein Künstler eine ähnliche Entsagung der Schönheit geschworen haben musste. Ein ausgezeichnetes Beispiel für eine solche gefolgerte Entsagung kann man in Hermann Cohens Auslegung von Rembrandts Werk finden. Nach Cohen verschmäht Rembrandt die traditionelle schöne Gesichtskunde. Rembrandt sucht Schönheit nicht im Leib, sondern in der Seele—oder genauer gesagt, in die Haltungen des Gesichts und des Körpers, die den Geist offenbaren. Angesichts dieser Auslegung würde ich vorschlagen, dass Rembrandts Entsagung der Schönheit vielleicht den Zweck hat, eine reinere, geistigere Art der Schönheit zu entdecken, und davon Zeugnis abzulegen. Ein Beispiel (auf das Cohen in anderem Kontext hinweist) ist Rembrandts 1634 Gemälde Suzanne (siehe Abbildung). Die dargestellte Figur ist nicht schön im klassischen Sinn. Aber ihre Miene und die Position ihrer Glieder bezeugen eine Unschuld und eine Reinheit, die auf eine innere Schönheit hindeuten.
Rembrandts künstlerischer Zweck ist, nach Cohen, die „Einheit“ von der Seele und dem Leib zu zeigen. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint Rembrandts Schönheitsentsagung ganz verschieden von Hopkins’ Schönheitsentsagung. Hopkins will den Leib verurteilen und aufgeben—vielleicht als Selbstbestrafung. Dahingegen will Rembrandt den Leib verwandeln, zu einer reineren Darstellung des Geistes.
Mittwoch, 27. Februar 2013
Wenn Besitz gehört nicht dem Verstand
Rilkes Gedicht „Der Auszug des verlorenen Sohnes“ fängt mit dieser Strophe an:
Nun fortzugehen von alledem Verworrnen,
das unser ist und uns doch nicht gehört,
das, wie das Wasser in den alten Bornen,
uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört.
Unser Besitz gehört uns im gesetzlichen Sinn, aber oft gehört er uns nicht im geistigen Sinn. Wir hoffen vergeblich, dass wir mit feiner Kleidung und schnellen Autos und überheblichen Herrenhäuser unsere Individualität ausdrücken können, aber das Spiegelbild des Verstandes im Reich des Reichtums kann nie in der Tat die höchste Teile des Verstandes darstellen. Das Bild ist immer verworren und verfälscht. Das kommerzielle Gewühl des Menschengeschlechts ist wie ein turbulenter Bach. Um den Verstand genau zu spiegeln, braucht man keinen Besitz, keinen Handel, sondern nur Ruhigkeit und Stille. Der Dichter und der Künstler können manchmal mit ihrer Kunst ihre Individualität ausdrücken. Der bürgerliche Geschäftsmann kann nie. Rilke empfiehlt, dass wir von unserer seelenlosen spießbürgerlichen Existenz so bald wie möglich fliehen. Wer ist ein spießbürgerlicher Geschäftsmann, wenn nicht ich? In Amerika sind wir alle Geschäftsmänner. Auch unsere Kirchen sind Handelsunternehmen. Nach meiner Auslegung ist diese Strophe eine starke und dringende Herausforderung, Handel und Suche nach Reichtum aufzugeben.
Nun fortzugehen von alledem Verworrnen,
das unser ist und uns doch nicht gehört,
das, wie das Wasser in den alten Bornen,
uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört.
Unser Besitz gehört uns im gesetzlichen Sinn, aber oft gehört er uns nicht im geistigen Sinn. Wir hoffen vergeblich, dass wir mit feiner Kleidung und schnellen Autos und überheblichen Herrenhäuser unsere Individualität ausdrücken können, aber das Spiegelbild des Verstandes im Reich des Reichtums kann nie in der Tat die höchste Teile des Verstandes darstellen. Das Bild ist immer verworren und verfälscht. Das kommerzielle Gewühl des Menschengeschlechts ist wie ein turbulenter Bach. Um den Verstand genau zu spiegeln, braucht man keinen Besitz, keinen Handel, sondern nur Ruhigkeit und Stille. Der Dichter und der Künstler können manchmal mit ihrer Kunst ihre Individualität ausdrücken. Der bürgerliche Geschäftsmann kann nie. Rilke empfiehlt, dass wir von unserer seelenlosen spießbürgerlichen Existenz so bald wie möglich fliehen. Wer ist ein spießbürgerlicher Geschäftsmann, wenn nicht ich? In Amerika sind wir alle Geschäftsmänner. Auch unsere Kirchen sind Handelsunternehmen. Nach meiner Auslegung ist diese Strophe eine starke und dringende Herausforderung, Handel und Suche nach Reichtum aufzugeben.
Montag, 25. Februar 2013
Toleranz für Intoleranz?
Hat eine Frau das Recht, ihren Lebensweg für sie selbst auszuwählen? Oder muss sie ihrem Ehemann immer gehorchen? Hängt die Antwort dieser Frage davon ab, wo sie wohnt? Oder sind Frauenrechte universal?
In Europa besteht ein Widerspruch. Einerseits trugen die Regierungen Europas Soldaten und Waffen zum Irakkrieg bei, um die sogenannten „Operation irakische Freiheit“ zu unterstützen. Das vorgebliche Ziel dieses Krieges war, die irakische Bevölkerung von einem „unterdrückenden Regime“ zu befreien. Andererseits erlaubten diese gleichen europäischen Regierungen, „Scharia Zonen“ genau in ihren Heimatländern entwickelt zu werden. In diesen Zonen müssen Frauen manchmal ebensoviel Unterdrückung wie in Irak dulden.
Um eine tolerante Gesellschaft zu sein, muss Europa die kulturellen Unterschiede von seinen islamischen Einwanderer respektieren. Aber was tut man, wenn die Endwandererkultur intolerant ist, und die Einwanderer sich weigern, ihre intoleranten Ansichten aufzugeben?
Das Buch Theorie von Gerechtigkeit von John Rawls wird von einigen Staatstheoretikern als der definierende Text der liberalen Demokratie betrachtet. Ein Kapitel dieses Buches wird „Toleranz für die Intoleranten“ betitelt. Das Ergebnis dieses Kapitels ist, „Jemandes Recht sich zu beschweren, wird beschränkt auf Verstößen gegen Grundsätze, die er selbst anerkennt.“ Oder, kurzer gesagt, „Eine intolerante Sekte hat keinen Grund, sich zu beschweren, wenn man ihr ihre gleiche Freiheit ablehnt.“
Wenn islamische Männer ihren Ehefrauen kein Recht geben, den Lebensweg für sie selbst auszuwählen, warum soll ein Aufnahmeland islamischen Männern das Recht geben, ihren Lebensweg für sie selbst auszuwählen? Nach der Gedankengang von Rawls hätten islamische Einwanderer keinen Grund sich zu beschweren auf Verstößen gegen Grundsätze (wie Toleranz), die sie selbst nicht erfüllen.
Nehmen wir einmal an, dass islamische Einwanderer ihre brutale Behandlung von Frauen und Homosexuellen in Europa nicht mitbringen dürfen sollen. Geht es daraus hervor, dass eine liberale Demokratie gar keine islamischen Einwanderer erlauben soll? Wenn Islamisten einwandern, müssen sie ihre Religion in ihrer Gesamtheit aufgeben? Solche extremen Standpunkte (die man zum Beispiel von Geert Wilders hört) kommen mir vor, als wollten das Kind mit dem Bade ausschütten. Aspekte von Islam, die niemand verletzen und niemand unterdrücken, werden von der gesetzlichen Freiheit der Religion aus gutem Grund geschützt. Diese toleranten Aspekte von Islam sind genau diejenigen, die die sogenannten „liberale Bewegungen“ in Islam akzeptieren. Sollten wir überrascht sein, dass liberaler Islam zu einer liberalen Demokratie geeigneter ist? Wenn man den Einspruch erhebt, dass liberale Demokratie Veränderungen von Islam fordert, hat man recht. Aber muss nicht ein Christ auch Pogrome aufgeben, wenn er in einer liberalen Demokratie leben will?
Hassprediger wie Wilders wollen den Koran verbieten. Was aber notwendig ist, ist nur, ihn liberaler zu interpretieren. Die Regierung könnte natürlich nicht fordern, dass man den Text so interpretiert, wie sie will. Aber sie kann fordern, dass man sich so benimmt, als ob man ihn auf diesem Weg interpretiert hätte.
Wie viel Intoleranz muss eine liberale Demokratie tolerieren? Eine Antwort, die mir vernünftig vorkommt, ist, dass es davon abhängt, ob die Intoleranz mit Worten oder mit Taten ausgedrückt wird: bei Worten muss die liberale Demokratie fast alle Intoleranz tolerieren; bei Taten muss sie fast keine.
In Europa besteht ein Widerspruch. Einerseits trugen die Regierungen Europas Soldaten und Waffen zum Irakkrieg bei, um die sogenannten „Operation irakische Freiheit“ zu unterstützen. Das vorgebliche Ziel dieses Krieges war, die irakische Bevölkerung von einem „unterdrückenden Regime“ zu befreien. Andererseits erlaubten diese gleichen europäischen Regierungen, „Scharia Zonen“ genau in ihren Heimatländern entwickelt zu werden. In diesen Zonen müssen Frauen manchmal ebensoviel Unterdrückung wie in Irak dulden.
Um eine tolerante Gesellschaft zu sein, muss Europa die kulturellen Unterschiede von seinen islamischen Einwanderer respektieren. Aber was tut man, wenn die Endwandererkultur intolerant ist, und die Einwanderer sich weigern, ihre intoleranten Ansichten aufzugeben?
Das Buch Theorie von Gerechtigkeit von John Rawls wird von einigen Staatstheoretikern als der definierende Text der liberalen Demokratie betrachtet. Ein Kapitel dieses Buches wird „Toleranz für die Intoleranten“ betitelt. Das Ergebnis dieses Kapitels ist, „Jemandes Recht sich zu beschweren, wird beschränkt auf Verstößen gegen Grundsätze, die er selbst anerkennt.“ Oder, kurzer gesagt, „Eine intolerante Sekte hat keinen Grund, sich zu beschweren, wenn man ihr ihre gleiche Freiheit ablehnt.“
Wenn islamische Männer ihren Ehefrauen kein Recht geben, den Lebensweg für sie selbst auszuwählen, warum soll ein Aufnahmeland islamischen Männern das Recht geben, ihren Lebensweg für sie selbst auszuwählen? Nach der Gedankengang von Rawls hätten islamische Einwanderer keinen Grund sich zu beschweren auf Verstößen gegen Grundsätze (wie Toleranz), die sie selbst nicht erfüllen.
Nehmen wir einmal an, dass islamische Einwanderer ihre brutale Behandlung von Frauen und Homosexuellen in Europa nicht mitbringen dürfen sollen. Geht es daraus hervor, dass eine liberale Demokratie gar keine islamischen Einwanderer erlauben soll? Wenn Islamisten einwandern, müssen sie ihre Religion in ihrer Gesamtheit aufgeben? Solche extremen Standpunkte (die man zum Beispiel von Geert Wilders hört) kommen mir vor, als wollten das Kind mit dem Bade ausschütten. Aspekte von Islam, die niemand verletzen und niemand unterdrücken, werden von der gesetzlichen Freiheit der Religion aus gutem Grund geschützt. Diese toleranten Aspekte von Islam sind genau diejenigen, die die sogenannten „liberale Bewegungen“ in Islam akzeptieren. Sollten wir überrascht sein, dass liberaler Islam zu einer liberalen Demokratie geeigneter ist? Wenn man den Einspruch erhebt, dass liberale Demokratie Veränderungen von Islam fordert, hat man recht. Aber muss nicht ein Christ auch Pogrome aufgeben, wenn er in einer liberalen Demokratie leben will?
Hassprediger wie Wilders wollen den Koran verbieten. Was aber notwendig ist, ist nur, ihn liberaler zu interpretieren. Die Regierung könnte natürlich nicht fordern, dass man den Text so interpretiert, wie sie will. Aber sie kann fordern, dass man sich so benimmt, als ob man ihn auf diesem Weg interpretiert hätte.
Wie viel Intoleranz muss eine liberale Demokratie tolerieren? Eine Antwort, die mir vernünftig vorkommt, ist, dass es davon abhängt, ob die Intoleranz mit Worten oder mit Taten ausgedrückt wird: bei Worten muss die liberale Demokratie fast alle Intoleranz tolerieren; bei Taten muss sie fast keine.
Freitag, 8. April 2011
Die Kraft der Musik
„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“—Victor HugoEmerson deutet an, die Kraft der Musik könne in ihrer Fähigkeit liegen, uns die Größe innerhalb unserer Seelen zu zeigen. Diese erhabene Auffassung von der Kraft der Musik ist schön und tiefsinnig, aber leider gehört sie einem längst vergangenen Zeitalter an. Heute hören wir keinen musikalischen Ruf zu einem höheren Bewusstseinszustand. Erst einmal erschöpfen wir mit Kommerz all unsere geistigen Mittel, und es bleibt keine Kraft übrig, um uns geistig zu verbessern. Wenn wir überhaupt jemals Musik hören wollen, wollen wir nur leichte, einfache Musik—die Musik, die den geringstmöglichen geistigen Aufwand erfordert.
Nietzsche sagt bezüglich Wagners Musik, „Man macht heute nur Geld mit kranker Musik.“ Bezüglich heutiger populärer Musik ist diese Empfindung ebenso wahr. Man könnte die Welt grob in zwei Teile teilen: Bildung und Kommerz. Es ist das Ziel der Bildung, unserem Mitmenschen das zu geben, was er braucht, um sich zu verbessern—gleichviel ob er wisse, dass er es brauche, oder nicht. Es ist aber das Ziel des Kommerzes, unserem Mitmenschen das zu geben, was er will—gleichviel ob es ihm vorteilhaft oder schädlich sei. Insofern als die Bildungswelt heute verschwindet und die Musikwelt von der Welt des Handelsverkehrs erobert wird, haben wir alle fast völlig aufgehört, unserem Mitmenschen zu helfen, einen höheren und verfeinerten Musikgeschmack zu entwickeln. Das Problem ist nicht nur, wie Nietzsche sagt, dass die beste Musik kein Geld verdienen kann, sondern auch, dass fast all die heutigen Musiker damit angefangen haben, sich für den Besitz der Geschäftswelt zu halten. Wenn der Popmusikhändler wegen Mitschuld an dem heutigen Absinken kultureller Normen angeklagt wird, hält er immer seine Ausrede bereit—„Viele Leute ziehen diese Art von Musik vor. Warum sollen wir sie ihnen nicht geben?“ Diese Ausrede funktioniert schön in diesem Fall—ebenso schön wie im Fall der Tabakindustrie. Es ist unter den wichtigsten Voraussetzungen unserer kommerziellen Gesellschaft, dass der Händler—und müssen wir heute nicht alle Händler sein?—dem Kunden geben muss, was er will, gleichviel ob es ihm vorteilhaft oder schädlich sei. Wenn man versucht, einem jungen Menschen zu helfen, seinen Musikgeschmack zu verbessern, wird man „hochnäsig“, „hochtrabend“, „arrogant“ genannt. In der heutigen Welt wird man zwar zum Teilen von unseren Produktionsleistungen mit unseren Mitmenschen aufgefordert. Das Teilen von unseren Meinungen vom Guten und Schönen ist doch sehr verpönt. Der Rat über Wahrheit und Schönheit, den der Erwachsene dem Jungendlichen geben könnte, wäre ihm nutzlos, nur eine Störung, eine Belästigung. Er weiß schon, was wahr ist—Kommerz. Er weiß schon, was schön ist—Geld. Mit solchem erhabenen Rat kann er kein Geld verdienen. Deshalb interessiert er sich dafür gar nicht.
Die vergangene Auffassung des Pluralismus, worin jeder Mensch seine Mitmenschen von seinem Idealbild überzeugen durfte und sollte, lässt leider heute einer neuen Auffassung die Vorfahrt. In dieser neuen Pluralismusauffassung werden alle widersprüchlichen Idealbilder voneinander absichtlich hermetisch isoliert. Zum Beispiel scheint es heute fast unfassbar, über Musikgeschmack vernünftig zu streiten. Man darf zwar seine eigene Idee von schöner Musik haben. Auf gar keinen Fall darf man doch versuchen, irgendjemanden davon zu überzeugen. Der heutige vorherrschende Glaube ist nicht länger, „Ein freier Marktplatz der Ideen ist nötig, sodass die Besten aus dem Wettbewerb hervorgehen können,“ sondern nur, „Ein freier Marktplatz der Ideen ist nötig, sodass jeder seine eigenen Ideen genießen kann, ohne von irgendjemandem unbequem belästigt zu werden.“
Der philisterhafte Musikhändler beharrt, „Geschmack ist nur subjektiv,“ und in einem gewissen Sinn hat er recht. Geschmack rührt zwar vom Subjekt her, von der Seele, und man soll nie versuchen, jemandem einen anderen Geschmack aufzuzwingen, wie Eltern es leider oft tun. Das ist aber nicht wirklich, was gemeint wird, wenn der Händler vom Wort „subjektiv“ spricht. Könnte es nur Zufall sein, dass die Befürworter populärer Musik keine wortgewandten Argumente gegen klassische Musik vorbringen können, und dass sie sich, um ihre Position zu vertreten, an gezahlte Bewerbung wenden müssen—wohingegen die Befürworter klassischer Musik so viel zugunsten ihrer Musik zu sagen haben, dass sie nie schweigen können? Ich denke nicht. Ich denke, dass es dem Popmusikhändler sehr gefallen würde, wenn wir alle über das Thema der Musik schweigen würden, sodass seine Werbung das ganze Feld leicht erobern könnte. Wenn man kein triftiges Argument für seine Ansicht hat, ist es normalerweise die beste Strategie, den Gegner zum Schweigen zu zwingen. Der Vertreter klassischer Musik hat keine Werbung, um sich dahinter zu verschanzen. Er hat nur seine Argumente. Der Popmusikhändler, statt Gegenargumente dagegen zu bieten, erzählt uns, dass Geschmack subjektiv sei—in der Hoffnung, dass wir alle über das Thema der Musik nur schweigen würden, sodass er unsere Seelen (und unsere „Subjekte“) mit seiner geschmacklosen Werbung ungehindert vollgießen könnte.
Der Weg der klassischen Musik ist ein Weg des Ausdrucks von den höchsten menschlichen Bewusstseinzuständen. Die Popmusiktradition hat diesen Weg verlassen. Sie hat das Studium von der Historie der Musik völlig aufgegeben. Nicht länger sucht sie den nächsten Schritt einer langen Historie des Fortschritts zu machen, sondern ihren eigenen Weg zu bahnen. Leider ist dieser Weg einer, der nur die alltäglichsten und niedrigsten Leidenschaften anspricht. Je alltäglicher die Leidenschaften, desto populärer ist die Musik. Irgendetwas auch nur geringfügig Erhabenes wäre eine kommerzielle Katastrophe. Klassische Musik spricht die verfeinertsten Leidenschaften an, und, wenn wir sie nicht schon haben, zwingt sie uns, sie zu entwickeln. Das ist ihre Haupttugend. Popmusik sucht aber keine neuen Leidenschaften zu entwickeln, sondern will sie uns nur zufrieden lassen mit den Leidenschaften, die wir schon haben.
Freitag, 28. Mai 2010
An Astrologie
Naturwissenschaftliche Meinung und Volksmeinung unterscheiden sich so oft und so sehr, dass sie manchmal scheinen, nicht nur, aus verschiedenen Welten zu kommen, sondern auch, ganz verschiedene Welten zu beschreiben. Eines der häufigsten Beispiele von solcher Meinungsverschiedenheit ist der Fall der Astrologie.
Innerhalb der Grenzen von dem heutigen naturwissenschaftlichen Verständnis des Universums, gibt es wahrscheinlich keinen Mechanismus, der plausibel erklären könnte, wie die Position der Sterne und Planeten zu jemandes Geburtzeit sein Verhalten und sein Schicksal beeinflussen könnte.
Die Gravitations- und elektromagnetische Felder, die sich aus Himmelskörper entwickeln, sind, nach dem naturwissenschaftlichen Verständnis, weniger—um viele Größenordnungen weniger—als die Schwankungen dieser Felder wegen lokalisierter Ursachen. Das Gravitationsfeld der Erde, zum Beispiel, schwankt zwischen etwa 9.78 m/s2 und 9.82 m/s2 wegen lokalisierter Unterschiede in der Erddichte—eine Schwankung von 0.04 m/s2. Die Gravitationsfelder der erdnächsten Himmelskörper, der Sonne und des Monds, sind etwa 0.000002 m/s2—mehr als zehntausendfach weniger als diese lokalisierten Schwankungen. Die Gravitationsfelder der Planeten sind weiter viel tausendfach weniger, und die der Sterne sind weiter millionenfach weniger.
Selten bringen Astrologiebefürworter Argumente vor, die das naturwissenschaftliche Verständnis des Universums in Frage stellen würden, sondern bringen sie die Behauptung vor, dass die Naturwissenschaft nur eine von vielen Denkweisen ist, von denen alle Daseinsberechtigung haben sollen.
Die Daseinsberechtigung aller Denkweisen ist natürlich unbestreitbar. Jedermann soll seine eigene Meinung über jedes Thema haben können. Eine gleiche Daseinsberechtigung heißt aber nicht ein gleicher Anspruch auf Aufmerksamkeit—und auch nicht ein gleicher Anspruch auf Lob. Diejenigen, die sich um Gerechtigkeit sorgen, zum Beispiel, halten ungerechte Meinungen wie Rassismus für abscheulich. Obwohl man anerkennen kann, dass solche Meinungen das Anrecht haben sollen, ausgedrückt zu werden, kann man sie nichtsdestoweniger mit Recht völlig verachten. Wenn, wegen Sorge um Gerechtigkeit, jemand sich mit einer Meinung unbehaglich fühlt, würde niemand ihn unvernünftig nennen. Die Frage, die ich stellen möchte, ist: Wenn es einen gäbe, der sich mit einer Meinung unbehaglich fühlte, nicht wegen Sorge um Gerechtigkeit, sondern wegen Sorge um Wahrheit, könnte man ihn berechtigerweise unvernünftig nennen?
Der ernsthafte, leidenschaftliche Naturwissenschaftler erachtet seine Denkweise eigentlich nicht als nur „eine von vielen“ gleichberechtigten Ansichten zur natürlichen Welt, sondern als die genaue Ansicht, die sich am sorgfältigsten um die Wahrheit kümmert. Die Grundlage der wissenschaftlichen Methode ist, dass jeder Wahrheitsanspruch überprüft werden muss, entweder durch Experiment oder durch Herleitung aus vorher etablierten Ergebnissen. Der fähige Wissenschaftler behandelt die Wahrheit immer mit Vorsicht, und heckt sie nie leichtsinnig aus. Im wirklichen Leben wird sie nicht immer so behandelt, aber das ist das Ideal. Im alltäglichen Gespräch sind Dinge aber nicht so ernst. Der Hauptzweck davon ist selten eine gewissenhafte Wahrheitssuche, sondern nur eine sorgenlose Unterhaltungssuche—das heißt Witze und Smalltalk. Man bringt ein Gesprächsthema vor, nicht um aufzuklären und zu belehren, sondern um zu unterhalten und zu amüsieren.
Wenn die Gesprächsteilnehmer verschiedener Meinung sind, ergibt sich aber die Möglichkeit, dass einer von ihnen ein Smalltalk- oder Witzthema wählt, das ihm zwar bloß heiter und lustig scheint, aber einem anderen ernst und heikel scheint. Diese letztere Rolle könnte besetzt werden, sowohl von demjenigen, der sich um Gerechtigkeit sorgt, wenn das Gesprächsthema sich auf Gerechtigkeit bezieht, als auch von demjenigen, der sich um Wahrheit sorgt, wenn das Gesprächsthema sich auf Wahrheit bezieht.
Derjenige, der sich in einer solchen heiklen Rolle befindet, hat drei Alternativen. Erstens kann er mit eigenen Witzen und Smalltalk an dem Gespräch teilnehmen, und dadurch die Ernsthaftigkeit seines Ideals verraten oder aufgeben. Zweitens kann er versuchen, das zwanglose Gespräch in eine ernste Gerechtigkeits- oder Wahrheitssuche zu lenken, und dadurch den Spaß aller anderen verderben. Drittens kann er ein peinliches Stillschweigen bewahren.
In dieser misslichen Situation befindet sich der Verehrer der Naturwissenschaft, der Diener der Wahrheit, wenn irgendjemand—nur mit der Absicht freundlich zu sein—ihn fragt: „Was ist dein Sternzeichen?“
Innerhalb der Grenzen von dem heutigen naturwissenschaftlichen Verständnis des Universums, gibt es wahrscheinlich keinen Mechanismus, der plausibel erklären könnte, wie die Position der Sterne und Planeten zu jemandes Geburtzeit sein Verhalten und sein Schicksal beeinflussen könnte.
Die Gravitations- und elektromagnetische Felder, die sich aus Himmelskörper entwickeln, sind, nach dem naturwissenschaftlichen Verständnis, weniger—um viele Größenordnungen weniger—als die Schwankungen dieser Felder wegen lokalisierter Ursachen. Das Gravitationsfeld der Erde, zum Beispiel, schwankt zwischen etwa 9.78 m/s2 und 9.82 m/s2 wegen lokalisierter Unterschiede in der Erddichte—eine Schwankung von 0.04 m/s2. Die Gravitationsfelder der erdnächsten Himmelskörper, der Sonne und des Monds, sind etwa 0.000002 m/s2—mehr als zehntausendfach weniger als diese lokalisierten Schwankungen. Die Gravitationsfelder der Planeten sind weiter viel tausendfach weniger, und die der Sterne sind weiter millionenfach weniger.
Selten bringen Astrologiebefürworter Argumente vor, die das naturwissenschaftliche Verständnis des Universums in Frage stellen würden, sondern bringen sie die Behauptung vor, dass die Naturwissenschaft nur eine von vielen Denkweisen ist, von denen alle Daseinsberechtigung haben sollen.
Die Daseinsberechtigung aller Denkweisen ist natürlich unbestreitbar. Jedermann soll seine eigene Meinung über jedes Thema haben können. Eine gleiche Daseinsberechtigung heißt aber nicht ein gleicher Anspruch auf Aufmerksamkeit—und auch nicht ein gleicher Anspruch auf Lob. Diejenigen, die sich um Gerechtigkeit sorgen, zum Beispiel, halten ungerechte Meinungen wie Rassismus für abscheulich. Obwohl man anerkennen kann, dass solche Meinungen das Anrecht haben sollen, ausgedrückt zu werden, kann man sie nichtsdestoweniger mit Recht völlig verachten. Wenn, wegen Sorge um Gerechtigkeit, jemand sich mit einer Meinung unbehaglich fühlt, würde niemand ihn unvernünftig nennen. Die Frage, die ich stellen möchte, ist: Wenn es einen gäbe, der sich mit einer Meinung unbehaglich fühlte, nicht wegen Sorge um Gerechtigkeit, sondern wegen Sorge um Wahrheit, könnte man ihn berechtigerweise unvernünftig nennen?
Der ernsthafte, leidenschaftliche Naturwissenschaftler erachtet seine Denkweise eigentlich nicht als nur „eine von vielen“ gleichberechtigten Ansichten zur natürlichen Welt, sondern als die genaue Ansicht, die sich am sorgfältigsten um die Wahrheit kümmert. Die Grundlage der wissenschaftlichen Methode ist, dass jeder Wahrheitsanspruch überprüft werden muss, entweder durch Experiment oder durch Herleitung aus vorher etablierten Ergebnissen. Der fähige Wissenschaftler behandelt die Wahrheit immer mit Vorsicht, und heckt sie nie leichtsinnig aus. Im wirklichen Leben wird sie nicht immer so behandelt, aber das ist das Ideal. Im alltäglichen Gespräch sind Dinge aber nicht so ernst. Der Hauptzweck davon ist selten eine gewissenhafte Wahrheitssuche, sondern nur eine sorgenlose Unterhaltungssuche—das heißt Witze und Smalltalk. Man bringt ein Gesprächsthema vor, nicht um aufzuklären und zu belehren, sondern um zu unterhalten und zu amüsieren.
Wenn die Gesprächsteilnehmer verschiedener Meinung sind, ergibt sich aber die Möglichkeit, dass einer von ihnen ein Smalltalk- oder Witzthema wählt, das ihm zwar bloß heiter und lustig scheint, aber einem anderen ernst und heikel scheint. Diese letztere Rolle könnte besetzt werden, sowohl von demjenigen, der sich um Gerechtigkeit sorgt, wenn das Gesprächsthema sich auf Gerechtigkeit bezieht, als auch von demjenigen, der sich um Wahrheit sorgt, wenn das Gesprächsthema sich auf Wahrheit bezieht.
Derjenige, der sich in einer solchen heiklen Rolle befindet, hat drei Alternativen. Erstens kann er mit eigenen Witzen und Smalltalk an dem Gespräch teilnehmen, und dadurch die Ernsthaftigkeit seines Ideals verraten oder aufgeben. Zweitens kann er versuchen, das zwanglose Gespräch in eine ernste Gerechtigkeits- oder Wahrheitssuche zu lenken, und dadurch den Spaß aller anderen verderben. Drittens kann er ein peinliches Stillschweigen bewahren.
In dieser misslichen Situation befindet sich der Verehrer der Naturwissenschaft, der Diener der Wahrheit, wenn irgendjemand—nur mit der Absicht freundlich zu sein—ihn fragt: „Was ist dein Sternzeichen?“
Montag, 29. März 2010
Reisen des Fleisches und Reisen des Geistes
Jonathan Swift empfiehlt denjenigen, die Reisebeschreibungen verfassen würden, dass es ihr Hauptzweck sein soll, „die Menschen besser und weiser zu machen, und ihre Seelen durch gutes und schlechtes Beispiel zu verbessern.“ Die Anblicke, Klänge, und Gerüche eines Auslands zu erleben, kann zwar interessant und erfreulich sein. Solche sinnenfreudige Erfahrungen erlebt man aber wieder nicht, wenn man nur darüber liest, sondern, wenn man sie für sich selbst durchlebt. Wozu würde man eine Reisebeschreibung lesen, die nur sinnenfreudige Reiseerfahrungen nacherzählt? Wozu würde man eine solche schreiben?
Die Erfahrungen, die verdienen, aufgeschrieben und gelesen zu werden, sind geistige Erfahrungen. Geistige Erfahrungen, die gut geeignet zum Nacherzählen sind, kann man aber genauso leicht in der Heimat erleben wie im Ausland.
Einige der größten Schriftsteller stehen dem Reisen grundsätzlich und lautstark entgegen. Emerson, zum Beispiel, meint, dass „Großteils nur oberflächliche Charaktere reisen, … nur die, die keine Aufgabe haben, die sie zu Hause hält.“ Der Reisende kann einen neuen Ort finden, aber er wird nur die gleiche Seele dort finden, die er in der Heimat fand. „Wohin auch immer er reist, kann er nur so viel Schönheit finden, wie er mit sich bringt.“
Dem fähigen Schriftsteller soll der Alltag genügen, um alle nötigen schreibenswürdigen Erfahrungen zu bieten. Wenn schreibenswürdige Erfahrungen fehlen, liegt die Schuld nicht beim Ort, sondern beim Schriftsteller selbst. Rilke rät einem seiner Studenten in einem Brief, „Wenn Ihr Alltag Ihnen arm scheint, klagen Sie ihn nicht an; klagen Sie sich an, sagen Sie sich, dass Sie nicht Dichter genug sind, seine Reichtümer zu rufen; denn für den Schaffenden gibt es keine Armut und keinen armen, gleichgültigen Ort.“ Wenn man nicht Dichter genug ist, den Reichtum der Heimat zu rufen, wird man sicherlich auch nicht Dichter genug sein, den Reichtum des Auslands zu rufen.
Die Reiselust ist nach Schopenhauer nur eines der Anzeichen für die Langweile, die vorkommt, wenn man zu geistigen Freuden unfähig ist. „Ball, Theater, Gesellschaft, Kartenspiel, Hasardspiel, Pferde, Weiber, Trinken, Reisen, … reicht dies alles gegen die Langeweile nicht aus, wo Mangel an geistigen Bedürfnissen die geistigen Genüsse unmöglich macht.“
Solche Verurteilungen des Reisens sind vielleicht ein bisschen übertrieben, aber daran ist auch etwas Wahres. Für die Langweile, die aus Unfähigkeit zu geistigen Freuden erwachst, ist Reisen genauso wenig ein Heilmittel wie Wasser zu trinken ein Heilmittel für Diabetes ist. Obwohl der Durst den Diabetiker ihn zu trinken zwingt, lindert das nicht die Krankheit, sondern nur das Symptom. Das wirkliche Heilmittel für Langweile ist kein körperliches Reisen, sondern Allgemeinbildung, oder geistiges Reisen.
Je geschickter man Tennis spielt, desto mehr freut ihn Tennis zu spielen. Und genauso, je besser man das Leben des Geistes versteht, desto mehr wird es ihn freuen. Obwohl Empfindung und Verstand uns oft nah und klar scheinen, kann man sie nicht völlig verstehen, wenn man ihre ganze Geschichte nicht versteht. Dieses Verstehen erfordert ein ganzes Leben des angestrengten Studiums und der Betrachtung. Diese geistige Reise ist, was ein sinnvolles Leben konstituiert. Wo sie geschieht, ist nur eine oberflächliche Angelegenheit.
Die Erfahrungen, die verdienen, aufgeschrieben und gelesen zu werden, sind geistige Erfahrungen. Geistige Erfahrungen, die gut geeignet zum Nacherzählen sind, kann man aber genauso leicht in der Heimat erleben wie im Ausland.
Einige der größten Schriftsteller stehen dem Reisen grundsätzlich und lautstark entgegen. Emerson, zum Beispiel, meint, dass „Großteils nur oberflächliche Charaktere reisen, … nur die, die keine Aufgabe haben, die sie zu Hause hält.“ Der Reisende kann einen neuen Ort finden, aber er wird nur die gleiche Seele dort finden, die er in der Heimat fand. „Wohin auch immer er reist, kann er nur so viel Schönheit finden, wie er mit sich bringt.“
Dem fähigen Schriftsteller soll der Alltag genügen, um alle nötigen schreibenswürdigen Erfahrungen zu bieten. Wenn schreibenswürdige Erfahrungen fehlen, liegt die Schuld nicht beim Ort, sondern beim Schriftsteller selbst. Rilke rät einem seiner Studenten in einem Brief, „Wenn Ihr Alltag Ihnen arm scheint, klagen Sie ihn nicht an; klagen Sie sich an, sagen Sie sich, dass Sie nicht Dichter genug sind, seine Reichtümer zu rufen; denn für den Schaffenden gibt es keine Armut und keinen armen, gleichgültigen Ort.“ Wenn man nicht Dichter genug ist, den Reichtum der Heimat zu rufen, wird man sicherlich auch nicht Dichter genug sein, den Reichtum des Auslands zu rufen.
Die Reiselust ist nach Schopenhauer nur eines der Anzeichen für die Langweile, die vorkommt, wenn man zu geistigen Freuden unfähig ist. „Ball, Theater, Gesellschaft, Kartenspiel, Hasardspiel, Pferde, Weiber, Trinken, Reisen, … reicht dies alles gegen die Langeweile nicht aus, wo Mangel an geistigen Bedürfnissen die geistigen Genüsse unmöglich macht.“
Solche Verurteilungen des Reisens sind vielleicht ein bisschen übertrieben, aber daran ist auch etwas Wahres. Für die Langweile, die aus Unfähigkeit zu geistigen Freuden erwachst, ist Reisen genauso wenig ein Heilmittel wie Wasser zu trinken ein Heilmittel für Diabetes ist. Obwohl der Durst den Diabetiker ihn zu trinken zwingt, lindert das nicht die Krankheit, sondern nur das Symptom. Das wirkliche Heilmittel für Langweile ist kein körperliches Reisen, sondern Allgemeinbildung, oder geistiges Reisen.
Je geschickter man Tennis spielt, desto mehr freut ihn Tennis zu spielen. Und genauso, je besser man das Leben des Geistes versteht, desto mehr wird es ihn freuen. Obwohl Empfindung und Verstand uns oft nah und klar scheinen, kann man sie nicht völlig verstehen, wenn man ihre ganze Geschichte nicht versteht. Dieses Verstehen erfordert ein ganzes Leben des angestrengten Studiums und der Betrachtung. Diese geistige Reise ist, was ein sinnvolles Leben konstituiert. Wo sie geschieht, ist nur eine oberflächliche Angelegenheit.
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