Montag, 25. Februar 2013

Toleranz für Intoleranz?

Hat eine Frau das Recht, ihren Lebensweg für sie selbst auszuwählen? Oder muss sie ihrem Ehemann immer gehorchen? Hängt die Antwort dieser Frage davon ab, wo sie wohnt? Oder sind Frauenrechte universal?

In Europa besteht ein Widerspruch. Einerseits trugen die Regierungen Europas Soldaten und Waffen zum Irakkrieg bei, um die sogenannten „Operation irakische Freiheit“ zu unterstützen. Das vorgebliche Ziel dieses Krieges war, die irakische Bevölkerung von einem „unterdrückenden Regime“ zu befreien. Andererseits erlaubten diese gleichen europäischen Regierungen, „Scharia Zonen“ genau in ihren Heimatländern entwickelt zu werden. In diesen Zonen müssen Frauen manchmal ebensoviel Unterdrückung wie in Irak dulden.

Um eine tolerante Gesellschaft zu sein, muss Europa die kulturellen Unterschiede von seinen islamischen Einwanderer respektieren. Aber was tut man, wenn die Endwandererkultur intolerant ist, und die Einwanderer sich weigern, ihre intoleranten Ansichten aufzugeben?

Das Buch Theorie von Gerechtigkeit von John Rawls wird von einigen Staatstheoretikern als der definierende Text der liberalen Demokratie betrachtet. Ein Kapitel dieses Buches wird „Toleranz für die Intoleranten“ betitelt. Das Ergebnis dieses Kapitels ist, „Jemandes Recht sich zu beschweren, wird beschränkt auf Verstößen gegen Grundsätze, die er selbst anerkennt.“ Oder, kurzer gesagt, „Eine intolerante Sekte hat keinen Grund, sich zu beschweren, wenn man ihr ihre gleiche Freiheit ablehnt.“

Wenn islamische Männer ihren Ehefrauen kein Recht geben, den Lebensweg für sie selbst auszuwählen, warum soll ein Aufnahmeland islamischen Männern das Recht geben, ihren Lebensweg für sie selbst auszuwählen? Nach der Gedankengang von Rawls hätten islamische Einwanderer keinen Grund sich zu beschweren auf Verstößen gegen Grundsätze (wie Toleranz), die sie selbst nicht erfüllen.

Nehmen wir einmal an, dass islamische Einwanderer ihre brutale Behandlung von Frauen und Homosexuellen in Europa nicht mitbringen dürfen sollen. Geht es daraus hervor, dass eine liberale Demokratie gar keine islamischen Einwanderer erlauben soll? Wenn Islamisten einwandern, müssen sie ihre Religion in ihrer Gesamtheit aufgeben? Solche extremen Standpunkte (die man zum Beispiel von Geert Wilders hört) kommen mir vor, als wollten das Kind mit dem Bade ausschütten. Aspekte von Islam, die niemand verletzen und niemand unterdrücken, werden von der gesetzlichen Freiheit der Religion aus gutem Grund geschützt. Diese toleranten Aspekte von Islam sind genau diejenigen, die die sogenannten „liberale Bewegungen“ in Islam akzeptieren. Sollten wir überrascht sein, dass liberaler Islam zu einer liberalen Demokratie geeigneter ist? Wenn man den Einspruch erhebt, dass liberale Demokratie Veränderungen von Islam fordert, hat man recht. Aber muss nicht ein Christ auch Pogrome aufgeben, wenn er in einer liberalen Demokratie leben will?

Hassprediger wie Wilders wollen den Koran verbieten. Was aber notwendig ist, ist nur, ihn liberaler zu interpretieren. Die Regierung könnte natürlich nicht fordern, dass man den Text so interpretiert, wie sie will. Aber sie kann fordern, dass man sich so benimmt, als ob man ihn auf diesem Weg interpretiert hätte.

Wie viel Intoleranz muss eine liberale Demokratie tolerieren? Eine Antwort, die mir vernünftig vorkommt, ist, dass es davon abhängt, ob die Intoleranz mit Worten oder mit Taten ausgedrückt wird: bei Worten muss die liberale Demokratie fast alle Intoleranz tolerieren; bei Taten muss sie fast keine.

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