Freitag, 8. April 2011

Die Kraft der Musik

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“—Victor Hugo
Emerson deutet an, die Kraft der Musik könne in ihrer Fähigkeit liegen, uns die Größe innerhalb unserer Seelen zu zeigen. Diese erhabene Auffassung von der Kraft der Musik ist schön und tiefsinnig, aber leider gehört sie einem längst vergangenen Zeitalter an. Heute hören wir keinen musikalischen Ruf zu einem höheren Bewusstseinszustand. Erst einmal erschöpfen wir mit Kommerz all unsere geistigen Mittel, und es bleibt keine Kraft übrig, um uns geistig zu verbessern. Wenn wir überhaupt jemals Musik hören wollen, wollen wir nur leichte, einfache Musik—die Musik, die den geringstmöglichen geistigen Aufwand erfordert.

Nietzsche sagt bezüglich Wagners Musik, „Man macht heute nur Geld mit kranker Musik.“ Bezüglich heutiger populärer Musik ist diese Empfindung ebenso wahr. Man könnte die Welt grob in zwei Teile teilen: Bildung und Kommerz. Es ist das Ziel der Bildung, unserem Mitmenschen das zu geben, was er braucht, um sich zu verbessern—gleichviel ob er wisse, dass er es brauche, oder nicht. Es ist aber das Ziel des Kommerzes, unserem Mitmenschen das zu geben, was er will—gleichviel ob es ihm vorteilhaft oder schädlich sei. Insofern als die Bildungswelt heute verschwindet und die Musikwelt von der Welt des Handelsverkehrs erobert wird, haben wir alle fast völlig aufgehört, unserem Mitmenschen zu helfen, einen höheren und verfeinerten Musikgeschmack zu entwickeln. Das Problem ist nicht nur, wie Nietzsche sagt, dass die beste Musik kein Geld verdienen kann, sondern auch, dass fast all die heutigen Musiker damit angefangen haben, sich für den Besitz der Geschäftswelt zu halten. Wenn der Popmusikhändler wegen Mitschuld an dem heutigen Absinken kultureller Normen angeklagt wird, hält er immer seine Ausrede bereit—„Viele Leute ziehen diese Art von Musik vor. Warum sollen wir sie ihnen nicht geben?“ Diese Ausrede funktioniert schön in diesem Fall—ebenso schön wie im Fall der Tabakindustrie. Es ist unter den wichtigsten Voraussetzungen unserer kommerziellen Gesellschaft, dass der Händler—und müssen wir heute nicht alle Händler sein?—dem Kunden geben muss, was er will, gleichviel ob es ihm vorteilhaft oder schädlich sei. Wenn man versucht, einem jungen Menschen zu helfen, seinen Musikgeschmack zu verbessern, wird man „hochnäsig“, „hochtrabend“, „arrogant“ genannt. In der heutigen Welt wird man zwar zum Teilen von unseren Produktionsleistungen mit unseren Mitmenschen aufgefordert. Das Teilen von unseren Meinungen vom Guten und Schönen ist doch sehr verpönt. Der Rat über Wahrheit und Schönheit, den der Erwachsene dem Jungendlichen geben könnte, wäre ihm nutzlos, nur eine Störung, eine Belästigung. Er weiß schon, was wahr ist—Kommerz. Er weiß schon, was schön ist—Geld. Mit solchem erhabenen Rat kann er kein Geld verdienen. Deshalb interessiert er sich dafür gar nicht.

Die vergangene Auffassung des Pluralismus, worin jeder Mensch seine Mitmenschen von seinem Idealbild überzeugen durfte und sollte, lässt leider heute einer neuen Auffassung die Vorfahrt. In dieser neuen Pluralismusauffassung werden alle widersprüchlichen Idealbilder voneinander absichtlich hermetisch isoliert. Zum Beispiel scheint es heute fast unfassbar, über Musikgeschmack vernünftig zu streiten. Man darf zwar seine eigene Idee von schöner Musik haben. Auf gar keinen Fall darf man doch versuchen, irgendjemanden davon zu überzeugen. Der heutige vorherrschende Glaube ist nicht länger, „Ein freier Marktplatz der Ideen ist nötig, sodass die Besten aus dem Wettbewerb hervorgehen können,“ sondern nur, „Ein freier Marktplatz der Ideen ist nötig, sodass jeder seine eigenen Ideen genießen kann, ohne von irgendjemandem unbequem belästigt zu werden.“

Der philisterhafte Musikhändler beharrt, „Geschmack ist nur subjektiv,“ und in einem gewissen Sinn hat er recht. Geschmack rührt zwar vom Subjekt her, von der Seele, und man soll nie versuchen, jemandem einen anderen Geschmack aufzuzwingen, wie Eltern es leider oft tun. Das ist aber nicht wirklich, was gemeint wird, wenn der Händler vom Wort „subjektiv“ spricht. Könnte es nur Zufall sein, dass die Befürworter populärer Musik keine wortgewandten Argumente gegen klassische Musik vorbringen können, und dass sie sich, um ihre Position zu vertreten, an gezahlte Bewerbung wenden müssen—wohingegen die Befürworter klassischer Musik so viel zugunsten ihrer Musik zu sagen haben, dass sie nie schweigen können? Ich denke nicht. Ich denke, dass es dem Popmusikhändler sehr gefallen würde, wenn wir alle über das Thema der Musik schweigen würden, sodass seine Werbung das ganze Feld leicht erobern könnte. Wenn man kein triftiges Argument für seine Ansicht hat, ist es normalerweise die beste Strategie, den Gegner zum Schweigen zu zwingen. Der Vertreter klassischer Musik hat keine Werbung, um sich dahinter zu verschanzen. Er hat nur seine Argumente. Der Popmusikhändler, statt Gegenargumente dagegen zu bieten, erzählt uns, dass Geschmack subjektiv sei—in der Hoffnung, dass wir alle über das Thema der Musik nur schweigen würden, sodass er unsere Seelen (und unsere „Subjekte“) mit seiner geschmacklosen Werbung ungehindert vollgießen könnte.

Der Weg der klassischen Musik ist ein Weg des Ausdrucks von den höchsten menschlichen Bewusstseinzuständen. Die Popmusiktradition hat diesen Weg verlassen. Sie hat das Studium von der Historie der Musik völlig aufgegeben. Nicht länger sucht sie den nächsten Schritt einer langen Historie des Fortschritts zu machen, sondern ihren eigenen Weg zu bahnen. Leider ist dieser Weg einer, der nur die alltäglichsten und niedrigsten Leidenschaften anspricht. Je alltäglicher die Leidenschaften, desto populärer ist die Musik. Irgendetwas auch nur geringfügig Erhabenes wäre eine kommerzielle Katastrophe. Klassische Musik spricht die verfeinertsten Leidenschaften an, und, wenn wir sie nicht schon haben, zwingt sie uns, sie zu entwickeln. Das ist ihre Haupttugend. Popmusik sucht aber keine neuen Leidenschaften zu entwickeln, sondern will sie uns nur zufrieden lassen mit den Leidenschaften, die wir schon haben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen