Donnerstag, 28. Februar 2013

Die Entsagung der Schönheit

Was passiert, wenn ein Künstler schwört, Schönheit aufzugeben? Eine solche Entsagung ist Gerard Manley Hopkins’ bekannter 1865 Tagebucheintrag: „Am heutigen Tag beschloss ich durch Gottes Gnade alle Schönheit aufzugeben, bis ich Seine Erlaubnis dazu hätte.“ Anscheinend bekam Hopkins die notwendige göttliche Erlaubnis nicht, oder nicht sofort. Kurz nach diesem Tagebucheintrag brannte er seine Gedichte. Askese in Kunst wurde von einer analogen Askese im Leben begleitet—im Jahr 1866 legte er das katholische Armutsgelübde ab.

In einigen anderen Fällen haben Kritiker aus ihrer Auslegung vom Werk eines Künstlers gefolgert, dass ein Künstler eine ähnliche Entsagung der Schönheit geschworen haben musste. Ein ausgezeichnetes Beispiel für eine solche gefolgerte Entsagung kann man in Hermann Cohens Auslegung von Rembrandts Werk finden. Nach Cohen verschmäht Rembrandt die traditionelle schöne Gesichtskunde. Rembrandt sucht Schönheit nicht im Leib, sondern in der Seele—oder genauer gesagt, in die Haltungen des Gesichts und des Körpers, die den Geist offenbaren. Angesichts dieser Auslegung würde ich vorschlagen, dass Rembrandts Entsagung der Schönheit vielleicht den Zweck hat, eine reinere, geistigere Art der Schönheit zu entdecken, und davon Zeugnis abzulegen. Ein Beispiel (auf das Cohen in anderem Kontext hinweist) ist Rembrandts 1634 Gemälde Suzanne (siehe Abbildung). Die dargestellte Figur ist nicht schön im klassischen Sinn. Aber ihre Miene und die Position ihrer Glieder bezeugen eine Unschuld und eine Reinheit, die auf eine innere Schönheit hindeuten.



Rembrandts künstlerischer Zweck ist, nach Cohen, die „Einheit“ von der Seele und dem Leib zu zeigen. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint Rembrandts Schönheitsentsagung ganz verschieden von Hopkins’ Schönheitsentsagung. Hopkins will den Leib verurteilen und aufgeben—vielleicht als Selbstbestrafung. Dahingegen will Rembrandt den Leib verwandeln, zu einer reineren Darstellung des Geistes.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Wenn Besitz gehört nicht dem Verstand

Rilkes Gedicht „Der Auszug des verlorenen Sohnes“ fängt mit dieser Strophe an:

Nun fortzugehen von alledem Verworrnen,
das unser ist und uns doch nicht gehört,
das, wie das Wasser in den alten Bornen,
uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört.

Unser Besitz gehört uns im gesetzlichen Sinn, aber oft gehört er uns nicht im geistigen Sinn. Wir hoffen vergeblich, dass wir mit feiner Kleidung und schnellen Autos und überheblichen Herrenhäuser unsere Individualität ausdrücken können, aber das Spiegelbild des Verstandes im Reich des Reichtums kann nie in der Tat die höchste Teile des Verstandes darstellen. Das Bild ist immer verworren und verfälscht. Das kommerzielle Gewühl des Menschengeschlechts ist wie ein turbulenter Bach. Um den Verstand genau zu spiegeln, braucht man keinen Besitz, keinen Handel, sondern nur Ruhigkeit und Stille. Der Dichter und der Künstler können manchmal mit ihrer Kunst ihre Individualität ausdrücken. Der bürgerliche Geschäftsmann kann nie. Rilke empfiehlt, dass wir von unserer seelenlosen spießbürgerlichen Existenz so bald wie möglich fliehen. Wer ist ein spießbürgerlicher Geschäftsmann, wenn nicht ich? In Amerika sind wir alle Geschäftsmänner. Auch unsere Kirchen sind Handelsunternehmen. Nach meiner Auslegung ist diese Strophe eine starke und dringende Herausforderung, Handel und Suche nach Reichtum aufzugeben.

Montag, 25. Februar 2013

Toleranz für Intoleranz?

Hat eine Frau das Recht, ihren Lebensweg für sie selbst auszuwählen? Oder muss sie ihrem Ehemann immer gehorchen? Hängt die Antwort dieser Frage davon ab, wo sie wohnt? Oder sind Frauenrechte universal?

In Europa besteht ein Widerspruch. Einerseits trugen die Regierungen Europas Soldaten und Waffen zum Irakkrieg bei, um die sogenannten „Operation irakische Freiheit“ zu unterstützen. Das vorgebliche Ziel dieses Krieges war, die irakische Bevölkerung von einem „unterdrückenden Regime“ zu befreien. Andererseits erlaubten diese gleichen europäischen Regierungen, „Scharia Zonen“ genau in ihren Heimatländern entwickelt zu werden. In diesen Zonen müssen Frauen manchmal ebensoviel Unterdrückung wie in Irak dulden.

Um eine tolerante Gesellschaft zu sein, muss Europa die kulturellen Unterschiede von seinen islamischen Einwanderer respektieren. Aber was tut man, wenn die Endwandererkultur intolerant ist, und die Einwanderer sich weigern, ihre intoleranten Ansichten aufzugeben?

Das Buch Theorie von Gerechtigkeit von John Rawls wird von einigen Staatstheoretikern als der definierende Text der liberalen Demokratie betrachtet. Ein Kapitel dieses Buches wird „Toleranz für die Intoleranten“ betitelt. Das Ergebnis dieses Kapitels ist, „Jemandes Recht sich zu beschweren, wird beschränkt auf Verstößen gegen Grundsätze, die er selbst anerkennt.“ Oder, kurzer gesagt, „Eine intolerante Sekte hat keinen Grund, sich zu beschweren, wenn man ihr ihre gleiche Freiheit ablehnt.“

Wenn islamische Männer ihren Ehefrauen kein Recht geben, den Lebensweg für sie selbst auszuwählen, warum soll ein Aufnahmeland islamischen Männern das Recht geben, ihren Lebensweg für sie selbst auszuwählen? Nach der Gedankengang von Rawls hätten islamische Einwanderer keinen Grund sich zu beschweren auf Verstößen gegen Grundsätze (wie Toleranz), die sie selbst nicht erfüllen.

Nehmen wir einmal an, dass islamische Einwanderer ihre brutale Behandlung von Frauen und Homosexuellen in Europa nicht mitbringen dürfen sollen. Geht es daraus hervor, dass eine liberale Demokratie gar keine islamischen Einwanderer erlauben soll? Wenn Islamisten einwandern, müssen sie ihre Religion in ihrer Gesamtheit aufgeben? Solche extremen Standpunkte (die man zum Beispiel von Geert Wilders hört) kommen mir vor, als wollten das Kind mit dem Bade ausschütten. Aspekte von Islam, die niemand verletzen und niemand unterdrücken, werden von der gesetzlichen Freiheit der Religion aus gutem Grund geschützt. Diese toleranten Aspekte von Islam sind genau diejenigen, die die sogenannten „liberale Bewegungen“ in Islam akzeptieren. Sollten wir überrascht sein, dass liberaler Islam zu einer liberalen Demokratie geeigneter ist? Wenn man den Einspruch erhebt, dass liberale Demokratie Veränderungen von Islam fordert, hat man recht. Aber muss nicht ein Christ auch Pogrome aufgeben, wenn er in einer liberalen Demokratie leben will?

Hassprediger wie Wilders wollen den Koran verbieten. Was aber notwendig ist, ist nur, ihn liberaler zu interpretieren. Die Regierung könnte natürlich nicht fordern, dass man den Text so interpretiert, wie sie will. Aber sie kann fordern, dass man sich so benimmt, als ob man ihn auf diesem Weg interpretiert hätte.

Wie viel Intoleranz muss eine liberale Demokratie tolerieren? Eine Antwort, die mir vernünftig vorkommt, ist, dass es davon abhängt, ob die Intoleranz mit Worten oder mit Taten ausgedrückt wird: bei Worten muss die liberale Demokratie fast alle Intoleranz tolerieren; bei Taten muss sie fast keine.