Wenn Sie erlauben, möchte ich Ihnen die Geschichte von den letzten Tagen meiner Jugend erzählen. Mein Name ist Franz. Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt. Ich wohne in Assisi, einem Städtchen in Mittelitalien. Mein Vater ist ein berühmter Seidenwarenhändler. Wie man erwarten könnte, bin ich immer nach der letzten Mode gekleidet worden. Bis vor kurzem war ich auf mein vornehmes und elegantes Aussehen sehr stolz. Aber während der letzten Tage hat sich mein ganzes Leben komplett verändert. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Ihnen das Wie und Warum erklären.
Vor einigen Tagen besuchte ich die Seidenmühle, wo mein Vater sein Gewebe färbt. Großer Gott! Wie elend diese armen Arbeiter aussahen! Gesichter und Hände waren mit Farbstoff beschmutzt. Die Hitze war unerträglich. Schweiß rannte den Arbeitern über die Stirn. Der gepeinigte Ausdruck in ihren Mündern, der Kummer in ihren Augen—mein lieber Gott—brachte es mich zum Weinen. Ich rannte zu meinem Zimmer zurück und vergrub mein Gesicht in meinem Kissen.
Gleich am nächsten Tag lasen wir beim Bibelstudium die Geschichte im Matthäusevangelium, wo Jesus dem reichen Mann eine Auswahl anbietet: entweder kann er sein zügelloses Leben fortsetzen, oder er kann all sein Eigentum verkaufen, den Armen das Geld geben, und Jesus folgen. Ich nannte mich einen Christen, aber welche Wahl hatte ich getroffen?
Das nächste Mal, das ich mit meinen Eltern am Gottesdienst teilnahm, sah ich ihn in völlig anderem Licht. Ich saß mit den höherrangigen Kirchgängern—in Seide gekleidet und mit Juwelen geschmückt—in vorderster Reihe. Hinten standen die Armen, in Lumpen gekleidet und mit nicht mehr als ihrer Bescheidenheit geschmückt. Möge Gott uns beistehen! Wir sind alle die widerwärtigsten Heuchler—Hochstapler, die die Botschaft unseres Herren scheinheilig predigen, während wir genau das Gegenteil praktizieren. Ich rannte aus der Kirche hinaus, lief in den Wald, kniete auf dem Erdboden, bat Gott um Vergebung, und weinte.
Als nächstes in meiner Erzählung kommt der kühnste Akt des Ungehorsams, den ich je wagte. Heimlich nahm ich Waren aus dem Laden meines Vaters weg und verkaufte sie. Den Ertrag gab ich einem Priester, der das Geld brauchte, um eine Kirche wiederzubauen. Als mein Vater herausfand, was ich getan hatte, wurde sein Gesicht bleich vor Wut. Er ergriff meine Hand und schleppte mich zum Bischof. Vor ihm tadelte mich mein Vater. Als der Bischof meine Erwiderung forderte, sagte ich, dass ich nicht mehr der Sohn meines Vaters war. Ich zog aus und gab meinem Vater die Kleidung, die ihm gehörte. Ein Armer, der dem Spektakel zuschaute, bot mir einen Lappen an, um meine Nacktheit zu bedecken.
Was werde ich nun machen, da ich meine Familie und mein privilegiertes Leben zurückgelassen habe? Ich weiß es nicht genau. Doch weiß ich, dass ich gewiss ein enthaltsames, bescheidenes Leben führen will. Als Jesus seine Jünger vorausschickte, um sein Evangelium zu predigen, mahnte er sie, dass sie kein Geld mitbringen durften. Ich beabsichtige, diesen Befehl genau zu folgen.
Nachwort:
In der heutigen Welt sehen wir leider nicht, wie Franz es konnte, das Leiden, das unsere überteuerte Lebensart notwendig macht. Keine chinesische Fabrik erlaubt, dass neugierige ausländische Touristen sie besuchen. Wir versichern uns, dass wir stolz sein sollen, dass wir den Armen Arbeit geben, als ob es absolut undenkbar wäre, dass wir den Armen Hilfe geben könnten, ohne Knochenarbeit als Gegenleistung zu fordern. Jede zehn Dollar, die wir nicht spenden sondern spendieren, verurteilen eine chinesische Arbeiterin zu einem Sechzehn-Stunden-Tag erschöpfender Schinderei. Lohnt es sich?
Danksagung:
Sowohl das Bild der farbstoffbeschmutzten Arbeiter als auch das Bild der mit Juwelen geschmückten Reichen in der vordersten Reihe der Kirche habe ich von Franco Zeffirellis Film Brother Sun, Sister Moon gestohlen.
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