Montag, 29. März 2010

Reisen des Fleisches und Reisen des Geistes

Jonathan Swift empfiehlt denjenigen, die Reisebeschreibungen verfassen würden, dass es ihr Hauptzweck sein soll, „die Menschen besser und weiser zu machen, und ihre Seelen durch gutes und schlechtes Beispiel zu verbessern.“ Die Anblicke, Klänge, und Gerüche eines Auslands zu erleben, kann zwar interessant und erfreulich sein. Solche sinnenfreudige Erfahrungen erlebt man aber wieder nicht, wenn man nur darüber liest, sondern, wenn man sie für sich selbst durchlebt. Wozu würde man eine Reisebeschreibung lesen, die nur sinnenfreudige Reiseerfahrungen nacherzählt? Wozu würde man eine solche schreiben?

Die Erfahrungen, die verdienen, aufgeschrieben und gelesen zu werden, sind geistige Erfahrungen. Geistige Erfahrungen, die gut geeignet zum Nacherzählen sind, kann man aber genauso leicht in der Heimat erleben wie im Ausland.

Einige der größten Schriftsteller stehen dem Reisen grundsätzlich und lautstark entgegen. Emerson, zum Beispiel, meint, dass „Großteils nur oberflächliche Charaktere reisen, … nur die, die keine Aufgabe haben, die sie zu Hause hält.“ Der Reisende kann einen neuen Ort finden, aber er wird nur die gleiche Seele dort finden, die er in der Heimat fand. „Wohin auch immer er reist, kann er nur so viel Schönheit finden, wie er mit sich bringt.“

Dem fähigen Schriftsteller soll der Alltag genügen, um alle nötigen schreibenswürdigen Erfahrungen zu bieten. Wenn schreibenswürdige Erfahrungen fehlen, liegt die Schuld nicht beim Ort, sondern beim Schriftsteller selbst. Rilke rät einem seiner Studenten in einem Brief, „Wenn Ihr Alltag Ihnen arm scheint, klagen Sie ihn nicht an; klagen Sie sich an, sagen Sie sich, dass Sie nicht Dichter genug sind, seine Reichtümer zu rufen; denn für den Schaffenden gibt es keine Armut und keinen armen, gleichgültigen Ort.“ Wenn man nicht Dichter genug ist, den Reichtum der Heimat zu rufen, wird man sicherlich auch nicht Dichter genug sein, den Reichtum des Auslands zu rufen.

Die Reiselust ist nach Schopenhauer nur eines der Anzeichen für die Langweile, die vorkommt, wenn man zu geistigen Freuden unfähig ist. „Ball, Theater, Gesellschaft, Kartenspiel, Hasardspiel, Pferde, Weiber, Trinken, Reisen, … reicht dies alles gegen die Langeweile nicht aus, wo Mangel an geistigen Bedürfnissen die geistigen Genüsse unmöglich macht.“

Solche Verurteilungen des Reisens sind vielleicht ein bisschen übertrieben, aber daran ist auch etwas Wahres. Für die Langweile, die aus Unfähigkeit zu geistigen Freuden erwachst, ist Reisen genauso wenig ein Heilmittel wie Wasser zu trinken ein Heilmittel für Diabetes ist. Obwohl der Durst den Diabetiker ihn zu trinken zwingt, lindert das nicht die Krankheit, sondern nur das Symptom. Das wirkliche Heilmittel für Langweile ist kein körperliches Reisen, sondern Allgemeinbildung, oder geistiges Reisen.

Je geschickter man Tennis spielt, desto mehr freut ihn Tennis zu spielen. Und genauso, je besser man das Leben des Geistes versteht, desto mehr wird es ihn freuen. Obwohl Empfindung und Verstand uns oft nah und klar scheinen, kann man sie nicht völlig verstehen, wenn man ihre ganze Geschichte nicht versteht. Dieses Verstehen erfordert ein ganzes Leben des angestrengten Studiums und der Betrachtung. Diese geistige Reise ist, was ein sinnvolles Leben konstituiert. Wo sie geschieht, ist nur eine oberflächliche Angelegenheit.

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