Es gibt eine Empfindung, populär zu unterschiedlichen historischen Zeiträumen, dass jeder Mensch die Gelegenheit verdient, sich zu einem bewundernswerten Mensch zu entwickeln—oder, am wenigstens, zu einem, der sich selbst bewundern kann. In der heutigen Welt ist diese Empfindung aber nicht so populär. Was wir heute für wichtig halten ist nicht, Bewunderung oder Selbstbewunderung zu entwickeln, sondern, Beschäftigungsfähigkeit zu entwickeln. Ob wir uns für bewundernswert halten, spielt im heutigen Leben nur eine ziemlich geringe Rolle. Die Hauptsache ist, ob der Arbeitsmarkt uns für bewundernswert hält. Und wir wissen, dass, was der Marktplatz für bewundernswert hält, in der Wirklichkeit nicht so bewundernswert ist—eine enge, brutal berechnende, unbarmherzig egoistische Gesinnung, die Geld als den einzigen Wertmaßstab erkennt.
Unter den Eigenschaften, die im 19. Jahrhundert den Aristokraten von den Mengen unterschieden hatte, war seine Bildung in den Geisteswissenschaften. Und es war eines der Ziele dieser Bildung, den jungen Studenten zu lehren, was jeder große Autor von jedem der verschiedenen Zeiträume für bewundernswert hielt. Das Thema dieser aristokratischen Art von Bildung war nicht Geld und wie man es bekommen konnte, sondern die Tugend und wie man sie erreichen konnte. Auch wenn man viele Jahre damit verbrachte, über die Tugenden zu lesen und zu schreiben, garantierte das zwar nicht, dass man auch nur eine einzige Tugend erreichen würde, aber vielleicht hatte es ein Bisschen helfen können.
Wenn Sozialreformer versuchen, die Klassenunterschiede unserer Gesellschaft zu überwinden, denken sie meistens an die wirtschaftlichen Unterschiede, nicht an die Unterschiede in historischem und philosophischem Wissen. Nicht länger investieren wir Jahre unseres Lebens in eine intensive Untersuchung der Frage, was bewundernswert im Menschenleben sein könnte, weil wir ganz sicher sind, dass wir schon wissen, was bewundernswert ist—Reichtum. Wir sind auch ganz sicher, dass die heutigen Tugenden einen Fortschritt darstellen. Das ist aber ein bisschen komisch, weil wir so wenig von der Historie der Tugendlehre wissen, dass wir sicherlich nicht erkennen könnten, was Fortschritt sein könnte.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen